Zum Inhalt (Access key c)Zur Hauptnavigation (Access key h)

Karl Wagenfeld

Karl Wagenfeld

Zahlreiche Straßen in westfälischen Städten erhielten den Namen Karl Wagenfeld, was inzwischen aufgrund seiner Rolle als „aktive Stütze des NS-Regimes“ an vielen Orten auf Widerspruch stößt und zu Umbenennungen führte. Die Münsteraner Begründung hierzu kann als repräsentativ gelten, nach der „Wagenfeld sich aus voller Überzeugung, nicht aus opportunistischen Gründen, dem NS-Regime angedient hat. Auf seiner Arbeit vor 1933 konnte die nationalsozialistische Ideologie aufbauen.“ In der Regel wurden die Beschlüsse in den Gremien der Gemeinden/Städte einstimmig oder gegen eine kleine Minderheit gefasst.
Der Wagenfeld-Experte Karl Ditt sprach sich 2011 gegen Umbenennungen aus und riet stattdessen zur aufklärenden Ergänzung der Straßenschilder.

Weitergehende Informationen/Hintergründe über Karl Wagenfeld:

Karl Wagenfeld wurde am 5. April 1869 in Lüdinghausen als Sohn eines Eisenbahnbeamten geboren. Sein Vater wurde bald nach der Geburt des Sohnes nach Drensteinfurt versetzt, wo damals ausschließlich das Plattdeutsche Umgangssprache war, so dass es für Wagenfeld Primärsprache wurde. Nach dem Besuch der Volksschule in Drensteinfurt (1875 bis 1883) entschied er sich, Volksschullehrer zu werden. Der örtliche Pfarrer Friedrich Möllenbeck erteilte ihm zudem Privatunterricht im Lateinischen. Parallel dazu wurde er in den Fächern der Präparandenanstalt unterrichtet.

Vom Herbst 1886 an besuchte Wagenfeld das Warendorfer Lehrerseminar, das er im August 1889 mit dem ersten Staatsexamen abschloss. Seine Lehrertätigkeit begann er danach in einer Bauerschaftsschule im Dorf Göttingen bei Liesborn im damaligen Kreis Beckum. 1891 wurde er nach Bockholt im Kreis Recklinghausen und 1896 nach Recklinghausen versetzt. Seit 1899 unterrichtete er an der Martinischule in Münster.
In dieser Zeit begann Wagenfeld, sich intensiv mit der Heimatpflege zu beschäftigen. Er war 1915 einer der Begründer des Westfälischen Heimatbunds (WHB), dessen kulturpolitische Ausrichtung im weiteren Verlauf „in erster Linie“ er bestimmte und theoretisch fundierte. Das geschah auf völkischer Grundlage. Mit Blick auf die Gründung des WHB hatte er bereits 1913 erklärt, die „Heimatfrage“ sei keine der Landschaft, des Hausbaus oder der Sprache, „sondern eine Rassenfrage, eine Stammesfrage“, weil die Gefahr bestehe, dass „das Slaventum und die Fremdlinge des Industriebezirks“ in „einer neuen Völkerwanderung … uns überrennen, unsere ganze völkische Art zugrunde richten“ würden. Daher müsse „jedem Volksgenossen das Heimat- und Stammesgefühl hinein gehämmert“ werden. Hier sah er die zentrale Aufgabe der westfälischen Heimatbewegung.

Während des Ersten Weltkriegs betätigte sich Wagenfeld, der nie selbst im Fronteinsatz war, umfangreich als Kriegspropagandist. Dieser Teil seiner Tätigkeit wurde in späteren Werkausgaben ausgeklammert, so dass er heute weitgehend unbekannt ist.
Von 1921 bis 1926 übernahm er auch die Geschäftsführung des Heimatbundes. Im Anschluss daran war er zunächst stellvertretender Vorsitzender und von 1933 bis 1934 Vorsitzender. 1919 übernahm er gemeinsam mit Friedrich Castelle die Redaktion des volkskundlichen Teils der Heimatblätter der Roten Erde. Als Castelle ausschied, hatte er die Redaktion bis zur Einstellung der Zeitschrift 1927 allein inne.
Um den Vereinsverpflichtungen und volkskundlichen Forschungen nachgehen zu können, hatte ihn der Kultusminister 1914 auf Antrag des „Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde“ für die Sammlung westfälischer Volkslieder beurlaubt. Aufgrund des Kriegs trat er diese Tätigkeit aber erst 1919 an. Es folgte 1925 der einstweilige, 1932 dann der endgültige Ruhestand. In den letzten zehn Jahren seines Lebens war Wagenfeld von Krankheit geschwächt. Er starb am 19. Dezember 1939 in Münster. 

So wie Wagenfeld als „Triebkraft der westfälischen Heimatbewegung“ gilt, gilt er zugleich als Repräsentant fremdenfeindlicher und rassistischer Anschauungen, „die mit der nationalsozialistischen Ideologie übereinstimmten“. 1923 erklärte er in seiner Rede auf dem Westfalentag in Soest zur Migration in das Industriegebiet an Rhein und Ruhr, „gerade der Heimatgedanke“ sei „berufen ..., den besten Schutzwall aufzurichten gegen das Vordringen einer volksfremden Kultur, die sich im Westen Deutschlands einnisten möchte.“ 1926/27 forderte er in einer Heimatpublikation „Rassereinheit“. Dem „Rassengemisch der Großstadt“ stellte er den „blonden Niederdeutschen“ entgegen. Er war ein Befürworter der Eugenik zum Schutz des „Stammes- und Blutserbes der Väter“ gegenüber „Fremdrassigen“. Die Gegner der Heimatbewegung und ihrer Ziele sah er teils in Angehörigen fremder Völker außerhalb der deutschen Grenzen, teils in „Fremdrassigen“ innerhalb der deutschen Grenzen, die „das deutsche Gastrecht mißbrauchen“ würden. Er drohte ihnen, wer die Heimat nicht ehre, der sei „ein Lump und des Glücks in der Heimat nicht wert.“ Gegen diese Lumpen gebe es „nur Kampf, Kampf bis zum sieghaften Ende“. 1931 warnte er mit dem Ziel eines besseren „Heimatschutzes“ vor rassehygienischen Verfehlungen: „Eheschließungen mit ihren Blutmischungen verschiedener Stämme und Rassen“ würden „fortdauernd und nicht immer günstig die stammlichen Erbmassen (beeinflussen).“ Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und ihre deutschnationalen Bündnispartner begrüßte er als Erfüllung der Ziele der Heimatbewegung. Noch vor dem Beginn der gegen „Konjunkturritter“ gerichteten mehrjährigen Eintrittssperre in die NSDAP gelang ihm Ende April 1933 die Aufnahme in die Partei. Gegenüber einem nationalsozialistischen Freund begründete er seinen Eintritt damit, „die unbedingte Notwendigkeit“ erkannt zu haben, „unbedingt der N.S.D.A.P. beizutreten“. Wer in ihm einen „Konjunkturjäger“ sehe, dem schlage er „in die Fresse“. Er hoffe, dass er „jetzt noch besser als früher Schulter an Schulter“ mit seinem Freund für die „deutsche Sache arbeiten“ könne. Später bekannte er, es müsse „der deutsche Mensch als Träger deutschen Wesens ... Mittel und Endpunkt deutschen Heimatschutzes“ sein. „Deutscher Heimatschutz“ müsse „Volkssache“ werden, und bekundete: „Das neue Reich brachte meiner Forderung die Erfüllung.“

Als Vorsitzender des WHB gestaltete er den Westfalentag am 16./17. September 1933 zur NS-Propagandaschau. Das Ereignis war unter das Motto "Heimat und Reich" gestellt, das für das Bündnis von Heimatbewegung und Nationalsozialismus stand. Dieses Bündnis befürwortete Wagenfeld. Er bedankte sich in seiner Rede beim "Führer" und gelobte "westfälische Treue, ihm und seinem großen Werke ein frommes 'Guod help!' ein hoffnungsreiches 'Glückauf', ein mannhaftes 'Sieg Heil!'" Der WHB wurde anlässlich des Westfalentages jedoch aufgelöst und in den Reichsbund Volkstum und Heimat (RVH) überführt. Dieser wiederum wurde Ende 1933 in das "Amt für Volkstum und Heimat" der NSG Kraft durch Freude eingegliedert. Der Vorstand des WHB wurde abgelöst, Wagenfeld blieb aber Landschaftsführer und wurde am 29. März 1934 als „Fachreferent für westfälische Heimatfragen“ in die Reichsleitung des RVH berufen. Allerdings hinderte eine fortschreitende Krankheit Wagenfeld an der Weiterarbeit, so dass bereits am 21. April 1934 Landeshauptmann Karl-Friedrich Kolbow Wagenfelds Nachfolge als Landschaftsführer im RVH antrat.
Karl Ditt vom Institut für westfälische Regionalgeschichte des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) und Experte für Fragen der westfälischen Heimatbewegung sah ihn vor diesem Hintergrund als „Wegbereiter und Propagandisten des Nationalsozialismus“. 

Der westfälische Autor und Publizist Rainer Schepper charakterisierte 1990 Wagenfelds Menschen- und Weltbild auf Basis wagenfeldscher Selbstaussagen so: „Neger, Kaffern und Hottentotten sind Halbtiere, Menschen in ‚Krüppel- und Idiotenanstalten‘, in Fürsorgeheimen und Strafanstalten sind körperlich und geistig Minderwertige. Es ist jenes Menschenbild, das der Nationalsozialismus zur Errichtung seiner Ideologie vom Herrenmenschen und Untermenschen, zum Erlass der Nürnberger Gesetze vom 16. September 1935, zur Euthanasie geistig und psychisch kranker Menschen, zum Kampf gegen alles ‚Artfremde‘, zum Krieg gegen ‚Frankreichs Haß‘ und ‚Polens Gier‘ benötigte und benutzte.“
Das Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren der Literaturkommission des LWL schließt mit diesem Zitat seinen Wagenfeld-Artikel ab.

Quellen:

Wikipedia: „Karl Wagenfeld“, Artikel vom 30.04.2020
ulb Münster: „Nachlass Karl Wagenfeld“
Artikel von Wilhelm Schulte aus dem Jahr 1939